Als der Dalai Lama über Nacht fliehen musste

Die chinesischen Besatzer zerstörten die tibetische Kultur gründlich.
Vor 60 Jahren, am 17. März 1959, floh der Dalai Lama vor den Chinesen ins indische Exil. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter gilt als aufmerksamer Beobachter des Weltgeschehens und kluger Ratgeber.

Butterlämpchen flackerten in der kalten Zugluft. Die Gebete der Mönche klangen eindringlicher denn je. Im Sommerpalast Norbulingka legte der Dalai Lama weiße Glücksbänder um sein Handgelenk. Sie sollten ihm eine sichere Reise und Heimkehr gewähren. Dann streifte er die Mönchskutte ab und zog einen dunklen Mantel an. Um 22 Uhr verließ er mit 37 Getreuen den Palast, vor dem sich etwa 300000 Tibeter zu seinem Schutz versammelt hatten. Unbemerkt bahnte sich die Gruppe ihren Weg durch die Menschenmenge.
Die Flucht vor den chinesischen Invasoren führte vom Dach der Welt hinab nach We­sten zur indischen Grenze, zu Fuß, auf Maultieren und in Booten aus Yakleder. Unterwegs schlossen sich Äbte und Mönche der Klöster an. Nach einem dreiwöchigen Marsch über verschneite Gebirgs- pässe traf der Dalai Lama im indischen Bundesstaat Himadhal Pradesh ein. In Dharamsala gründete er seine Exil-Regierung.
Tenzin Gyatso wurde 1935 als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Im Alter von zwei Jahren erkannte ihn eine Findungskommission als Reinkarnation und brachte das Kind nach Lhasa in den Potala-Palast, offizielle Residenz und Regierungssitz der Dalai Lamas. Die Erziehung des Dalai Lama zum religiösen und weltlichen Oberhaupt des abgeschotteten Landes im Himalaya verlief ungestört. Doch im Herbst 1951 meldeten Boten, dass ein chinesisches Heer den Grenzfluss Yangtse überschritten hatte.
Die Besetzung Tibets durch die Volksbefreiungsarmee (VBA) sollte den Anschein einer freundlichen Übernahme erwecken. Ministerpräsident Tschu En Lai hatte seine Soldaten angewiesen, als Freunde aufzutreten, die das tibetische Volk vom Einfluss westlicher Imperialisten bewahren und die Feudalherrschaft der Mönche abschaffen sollten. Tibet sollte als autonomes Gebiet in die Volksrepublik China eingegliedert werden. In einem Zwölf-Punkte-Programm sicherte Peking den Tibetern Religionsfreiheit, Respekt vor Sitten und Gebräuchen sowie Schutz der Klöster zu. Die Vereinten Nationen verurteilten die Annexion Tibets, aber es blieb bei Protestnoten. Unter Zwang unterzeichnete der damals erst 16 Jahre alte Dalai Lama den Vertrag.
Der Staat der Mönche ohne festgelegte Grenzen war jahrhundertelang immer wieder unter der Oberherrschaft seines mächtigen Nachbarn China. Weitere Interessenten kamen Ende des 19. Jahrhunderts hinzu. Im Wettstreit um den Einfluss in Zentralasien standen sich die Kolonialmacht Großbritannien und das Zarenreich Russland gegenüber. 1903 wollte England Fakten schaffen und ließ seine Indienstreitkräfte unter einem Vorwand in Tibet einmarschieren. Tibetische Bauern hatten die Grenze des Vizekönigreichs Indien überschritten und Vieh geraubt.
Die Soldaten des Dalai Lama ritten auf ihren Ponys, bewaffnet mit Armbrüsten, Schwertern und Lanzen, den Angreifern entgegen. Deren Geschütze richteten ein schreckliches Gemetzel unter den nahezu Wehrlosen an. Als einer der ersten Europäer betrat Kommandant Francis Younghusband die verbotene Stadt Lhasa. Er traf im Potala niemanden an, dem er die Forderungen der Engländer hätte diktieren können. Der 13. Dalai Lama war geflohen und sein Kabinett ebenfalls entrückt. Die Minister befanden sich in tiefer Meditation und hatten kein Ohr für weltliche Belange.
1907 einigten sich England und Russland über ihre Interessengebiete im Petersburger Vertrag. Ganz nebenbei wurde auch das Schicksal Tibets entschieden. Die Oberhoheit über den widerspenstigen Staat, dessen Mysterien kein Außenstehender begriff, überließen sie den Chinesen. Die wurden durch die politischen Wirren im eigenen Land daran gehindert, die Suzeränität, die Oberhoheit über Tibet auszuüben. 1912 nutzte der 13. Dalai Lama die Gelegenheit, die Unabhängigkeit der Monarchie Tibet auszurufen. Mit der Unterzeichnung des Zwölf-Punkte-Vertrags durch seinen Nachfolger fand deren Souveränität 1951 ein Ende.
Zunächst beließen es die Chinesen mit der Stationierung einer kleinen Garnison in Lhasa. Als sie begannen, in die Klöster einzudringen und die Mönche zu schikanieren, kam es 1956 in den Provinzen Kham und Amdo zu ersten Unruhen. Immer mehr chinesische Soldaten rückten in Lhasa ein. Im März 1959 erhielt der Dalai Lama eine Einladung zu einer Theateraufführung im chinesischen Hauptquartier. Er möge allein, ohne seine Leibwächter erscheinen. Die Vermutung, er sollte entführt und umgebracht werden, machte bei seinen Untertanen schnell die Runde. Eine gewaltige Menschenmenge versammelte sich vor dem Norbulingka. Sprechchöre forderten Freiheit für Tibet. Die Chinesen ließen Geschütze auffahren und feuerten Salven auf die mächtige Mauer ab. Sie ahnten nicht, dass der Dalai Lama entkommen war.
Die Flucht war längst vorbereitet. Der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru sicherte dem Dalai Lama die Aufnahme zu. Als Bauern gekleidete Mönche brachten Gold und Juwelen im Wert von rund 40 Millionen US-Dollar über die tibetisch-indische Grenze. Damit sollte eine Exil-Regierung aufgebaut werden.
Als erste seiner Amtshandlungen widerrief der Dalai Lama den Zwölf-Punkte-Vertrag, den ihm die Chinesen 1951 aufgezwungen hatten. Nach seiner Flucht ließen die Kommunisten endgültig ihre Maske fallen. Sie verwüsteten die Klöster und vertrieben oder erschlugen die Mönche. Tausende Tibeter retteten sich zum Dalai Lama nach Dharamsala. Sein Regierungssitz nahe der tibetischen Grenze umfasst heute mehrere Klöster, Schulen und Ausbildungsstätten. Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreispreis erhielt, reist unermüdlich durch die Welt, um für die gewaltlose Befreiung seines Landes zu werben.
Das Tibet, das er vor 60 Jahren verließ, existiert nicht mehr. Die über 1300 Jahre alte Kultur ist weitgehend vernichtet, in Tibet leben immer mehr Chinesen. Aber noch legt eine endlose Schar von Pilgern den Weg aus ihrem Heimatort zum Potala-Palast prostrierend (sich niederwerfend) zurück, wie es der tibetische Buddhismus von den Gläubigen verlangt: mit der Länge ihres Körpers.

Klaus J. Groth

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